Frauke Petry, AfD

» Über 6,6 Millionen Afrikaner sitzen auf gepackten Koffern, bereit zur Überfahrt nach Europa. «

Frauke Petry, Bundes­vor­sit­zende der AfD, schreibt am 6. Juli auf ihrer Face­book-Seite, dass 6,6 Millio­nen Afri­ka­ner auf die Über­fahrt Rich­tung Europa warten würden. Petry bezieht sich hier offen­sicht­lich auf einen Bericht der Bild vom 23. Mai 2017. Als Quelle nennt der Arti­kel ein als „vertrau­lich einge­stuf­tes Papier der deut­schen Sicher­heits­be­hör­den”. Bild macht keine genauen Anga­ben zu der Natio­na­li­tät der Geflüch­te­ten, sagt aber, dass sich mehr als die Hälfte von ihnen in der Türkei aufhal­ten würde. Laut einem “Facts­heet” der Euro­päi­schen Kommis­sion stam­men 90 Prozent der Geflüch­te­ten in der Türkei aber aus Syrien, was geogra­phisch auf dem asia­ti­schen Konti­nent und nicht in Afrika liegt.  Die Aussage von Petry stimmt also nicht.

++ 6,6 Mio Afri­ka­ner warten auf die Über­fahrt Rich­tung Europa ++Der Flücht­lings­strom geht unver­min­dert weiter. Wo…

Posted by Dr. Frauke Petry on Mitt­woch, 5. Juli 2017

 

Seit Anfang des Jahres kommen wieder mehr Geflüch­tete in Europa an, schreibt die Bild. Das belege ein nichtn näher spezi­fi­zier­tes Papier der deut­schen Sicher­heits­be­hör­den, das als Verschluss­sa­che – Nur für den Dienst­ge­brauch” klas­si­fi­ziert wird. Demnach warten Ende April in den Staa­ten Nord­afri­kas, in Jorda­nien und der Türkei bis zu 6,6 Millio­nen Geflüch­tete auf eine Weiter­reise nach Europa. Davon würden bis zu 3,3 Million in der Türkei und etwa eine Million jeweils in Ägyp­ten und Libyen warten. Die übri­gen Geflüch­te­ten vertei­len sich auf Jorda­nien, Tune­sien, Alge­rien und Marokko. Konkrete Anga­ben zu den Natio­na­li­tä­ten der Geflüch­te­ten macht Bild nicht.

Es bleibt unklar, welche Sicher­heits­be­hörde die Zahlen veröf­fent­licht hat. Gegen­über stimmtdas.org erklärte  Bild, dass die Zeitung ihre Quelle zu den Infor­ma­tio­nen nicht preis­ge­ben will.  Frauke Petry reagierte nicht auf unsere Anfrage. Das BaMF verzich­tete eben­falls auf eine Stel­lung­nahme zu den Zahlen. Bild schreibt außer­dem, dass Italien von den Boots­an­lan­dun­gen am stärks­ten betrof­fen sei. Das für Migra­tion zustän­dige Minis­te­rium Itali­ens erklärte dazu auf Anfrage von stimmtdas.org, dass es Zahlen zu den Geflüch­te­ten, die die Reise nach Europa planen, nicht der Öffent­lich­keit bekannt gibt. Die Inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tion für Migra­tion (IOM) argu­men­tiert, dass es sehr schwie­rig sei, solche Zahlen über­haupt genau vorher­zu­sa­gen. Schließ­lich könne man nicht mit Sicher­heit wissen, wie viele von den Geflüch­te­ten tatsäch­lich die Weiter­reise nach Europa planen. 

Blei­ben wir bei den Zahlen der deut­schen Sicher­heits­be­hör­den, die von Bild veröf­fent­licht wurden und auch im Ausland mediale Aufmerk­sam­keit erreg­ten. Im Bild–Arti­kel heißt es, dass 2,64 von diesen 6,6 Millio­nen Geflüch­te­ten in afri­ka­ni­schen Ländern (Ägyp­ten, Libyen, Tune­sien, Alge­rien und Marokko) auf die Über­fahrt nach Europa warten, während über vier Millio­nen in der Türkei und in Jorda­nien warten würden. Während der Zeitungs­ar­ti­kel die Herkunft der Geflüch­te­ten offen lässt, findet man nähere Infor­ma­tio­nen dazu in einem im Juli veröf­fent­lich­ten Facts­heet der Euro­päi­schen Kommis­sion. Darin werden offi­zi­elle Zahlen der türki­schen Regie­rung genannt, nach denen sich zurzeit  3,4 Millio­nen Geflüch­tete  in der Türkei befin­den. (Laut dem Bericht der deut­schen Sicher­heits­be­hör­den waren es bis Ende April 3,3 Millio­nen.) Der Bericht der EU-Kommis­sion macht konkrete Anga­ben zur Natio­na­li­tät der Geflüch­te­ten. Drei Millio­nen der Menschen würden aus Syrien und die übri­gen 400.000 Millio­nen unter ande­rem aus dem Irak, Afgha­ni­stan, Iran und Soma­lia stam­men. Auch der Groß­teil der 720.000 Migran­ten, die sich gerade in Jorda­nien aufhal­ten, kommen ursprüng­lich aus Ländern des Nahen und Mitt­le­ren Ostens. 

Fazit: Gene­rell ist die Zahl der Menschen auf der Flucht, die derzeit eine Über­fahrt nach Europa planen, schwer zu bestim­men. Bei den Anga­ben handelt es sich um Schät­zun­gen, mit denen man vorsich­tig umge­hen sollte. Vertraut man der Bild und dem gehei­men Doku­ment der deut­schen Sicher­heits­be­hör­den, auf das sich die Zeitung beruft, dann warten in verschie­de­nen Staa­ten rund um das Mittel­meer tatsäch­lich über sechs Millio­nen Menschen auf ihre Über­fahrt. Was die bloße Zahl angeht, hat Petry mit ihrer Aussage also recht. Über die Hälfte dieser 6,6 Millio­nen Flücht­linge befin­det sich aktu­ell in der Türkei. Der Groß­teil der Menschen dort  (90 Prozent) stammt aller­dings aus Syrien, was geogra­phisch in Asien und nicht in Afrika liegt. Die Aussage von Frauke Petry, dass 6,6 Millio­nen Afri­ka­ner auf “gepack­ten Koffern” sitzen, stimmt also nicht.

Francesca Polistina

Autor: Francesca Polistina

Kommt aus Italien, hat Journalismus und Literaturwissenschaften in Italien, Deutschland und Belgien studiert. Derzeit als freie Journalistin und Medienanalystin in Köln tätig.

2 Gedanken zu „Über 6,6 Millio­nen Afri­ka­ner sitzen auf gepack­ten Koffern“

  1. Danke für den Arti­kel.
    Ich hätte nicht gedacht dass die Lage so drama­tisch ist.
    6,6 Migran­ten — ob aus Afrika oder Asien — werden schwer zu bewäl­ti­gen sein.

  2. Was sorgen Sie sich denn um die Bewäl­ti­gung von “6,6 Migran­ten”, Herr Stull­kow­ski? Aber mal im Ernst, wer lesen kann, ist wieder mal klar im Vorteil. Im Text steht, dass man nur dann von der behaup­te­ten Zahl ausge­hen muss, wenn man der BILD vertraut. Ich wieder­hole: wenn man der BILD vertraut…

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