Gregor Gysi, Die Linke

» Nirgendwo in Europa hängt der Grad der Bildung eines Kindes oder Jugendlichen so sehr von der sozialen Stellung seiner Familie ab wie in Deutschland.«

Der Linken-Poli­ti­ker Gregor Gysi behaup­tet, in keinem ande­ren Land Euro­pas hänge der Bildungs­grad eines Kindes stär­ker von der sozia­len Stel­lung seiner Fami­lie ab als in Deutsch­land. Drei inter­na­tio­nale Vergleichs­stu­dien, die den Zusam­men­hang von sozio­öko­no­mi­schem Hinter­grund und Bildung messen, kommen zu einem ande­ren Ergeb­nis. Die Aussage von Gregor Gysi stimmt eher nicht und ist über­trie­ben.

Am 16. Juni hielt Gregor Gysi eine Rede anläss­lich des 10. Jahres­ta­ges seiner Partei. Darin forderte er, „Die Linke“ müsse eine Partei der Chan­cen­gleich­heit für alle Kinder und Jugend­li­chen sein – unab­hän­gig von deren Eltern­haus. Nirgendwo sonst in Europa hänge der Bildungs­grad der Kinder und Jugend­li­chen so stark von der sozia­len Herkunft ab wie in Deutsch­land.

Es gibt drei große regel­mä­ßig erho­bene inter­na­tio­nale Vergleichs­stu­dien, die Bildungs­er­folg  und dessen Abhän­gig­keit von unter­schied­li­chen Fakto­ren messen. Die Proble­ma­tik besteht darin, die Varia­ble „Bildung“ mess­bar zu machen. Um Gysis Aussage zu prüfen, hat stimmtdas.org die Inter­na­tio­nale Grund­schul-Lese-Unter­su­chung IGLU, die Studie TIMMS (Trends in Inter­na­tio­nal Mathe­ma­tics and Science Study) sowie die aktu­elle PISA Studie betrach­tet und kam dabei zu dem Ergeb­nis, dass Deutsch­land zwar über­all im unte­ren Mittel­feld liegt, im euro­päi­schen Vergleich jedoch nicht am schlech­tes­ten abschnei­det, wie Gysi unter­stellt.

Darauf ange­spro­chen teilte das Bundes­tags­büro von Gregor Gysi mit, dass der Poli­ti­ker sich mit seiner Aussage auf ein State­ment des Bundes­mi­nis­te­ri­ums für Bildung und Forschung bezie­hen würde. In diesem heißt es, dass in kaum einem ande­ren Indus­trie­staat die sozio-ökono­mi­sche Herkunft so sehr über den Schul­er­folg und die Bildungs­chan­cen von Schü­le­rIn­nen entschei­den würde, wie in Deutsch­land. Gysis Aussage unter­schei­det sich also in zwei Hinsich­ten von dem State­ment des Bundes­mi­nis­te­ri­ums. „Kaum” ein ande­res Land ändert Gysi erstens zu „keinem” ande­ren Land. Zwei­tens spricht Gysi in seiner Rede nicht von Indus­trie­staa­ten, sondern von Ländern in Europa. Das Büro von Gysi räumte ein, dass der Poli­ti­ker hier unprä­zise gewe­sen sei, findet dies aber nicht weiter proble­ma­tisch. Wört­lich schreibt das Büro Gregor Gysi:

Der Unter­schied besteht zwischen in keinem ande­ren Land der EU und kaum einem ande­ren Indus­trie­staat. Aber wegen dieses Unter­schieds sollte man kein Fass aufma­chen – Gregor Gysi hat ja keine wissen­schaft­li­che Arbeit verfasst.“

Die wissen­schaft­li­chen Arbei­ten zu dem Thema spre­chen folgende Spra­che: Die IGLU-Studie misst, wie sehr das Lese­ver­mö­gen von Grund­schü­le­rIn­nen vom Bildungs­grad ihres Eltern­hau­ses abhängt. Dieser wird, so die reprä­sen­ta­tive Studie, durch den höchs­ten Bildungs­ab­schluss eines Eltern­teils bestimmt. Gene­rell vari­iert der Bildungs­grad der Eltern deut­lich zwischen den Ländern: In Rumä­nien und Kroa­tien haben etwas weni­ger als 20 Prozent der Eltern ein abge­schlos­se­nes (Fach-)Hochschulstudium. Der OECD Durch­schnitt liegt bei 35 Prozent. Deutsch­land schnei­det mit 28 Prozent unter­durch­schnitt­lich ab.

In allen Ländern war ein Zusam­men­hang zwischen dem Bildungs­grad der Eltern und der Lern­kom­pe­tenz der Kinder zu beob­ach­ten. Deutsch­land ist dabei aller­dings nicht, wie von Gysi behaup­tet, Schluss­licht, sondern befin­det sich im unte­ren Mittel­feld. In Rumä­nien, Malta, Ungarn, Bulga­rien oder Frank­reich besteht eine größere Abhän­gig­keit. Im euro­päi­schen Vergleich ist der Zusam­men­hang zwischen Lese­kom­pe­tenz der Kinder und Bildungs­grad der Eltern in Finn­land, Norwe­gen und Däne­mark am gerings­ten ausge­prägt (vgl. IGLU, S. 179). Außer­dem wurde die Abhän­gig­keit zwischen dem Berufs­sta­tus der Eltern und dem Bildungs­grad der Kinder gemes­sen. Auch hier zeigt sich über alle Länder hinweg ein deut­li­cher Zusam­men­hang. Je höher die jewei­lige soziale Schicht, desto besser lernen die Kinder.  Im Jahr 2006 bildete Deutsch­land in Sachen Abhän­gig­keit zwischen der Sozi­al­schicht der Eltern und dem Lern­er­folg der Kinder das Schluss­licht (vgl. IGLU, S. 181). Bei der letz­ten Erhe­bung in 2011 schnitt Deutsch­land noch immer schlecht ab,  Länder wie Malta und Ungarn jedoch noch schlech­ter.

Die Studie TIMMS, die mathe­ma­ti­sche Leis­tun­gen misst und die PISA Studie kommen zu ähnli­chen Ergeb­nis­sen. Auch hier ist Deutsch­land zwar unter­durch­schnitt­lich, liegt aber nicht auf den letz­ten Plät­zen. Nach Ergeb­nis­sen der TIMMS ist die Abhän­gig­keit der mathe­ma­ti­schen Kompe­tenz vom Bildungs­grad der Eltern in zwölf Staa­ten gerin­ger ausge­prägt als in Deutsch­land. Ein stär­ke­rer Zusam­men­hang findet sich in Ungarn, Nord­ir­land oder der Slowa­kei. Die PISA-Studie vergleicht die „Wahr­schein­lich­keit der Leis­tungs­schwä­che unter benach­tei­lig­ten und nicht benach­tei­lig­ten Schü­lern. In Deutsch­land ist diese für benach­tei­ligte Schü­le­rIn­nen zwar eben­falls größer als im OECD-Schnitt, trotz­dem besteht in 13 Ländern ein größe­rer Zusam­men­hang. Ohne die nicht-euro­päi­schen Staa­ten besteht in sieben Ländern eine stär­kere Abhän­gig­keit zwischen Benach­tei­li­gung und Leis­tungs­schwä­che (Frank­reich, Ungarn, Luxem­burg, Bulga­rien, Belgien, Tsche­chien, Slowa­kei).

Fazit:  Im inter­na­tio­na­len und inner­eu­ro­päi­schen Vergleich ist der Zusam­men­hang zwischen sozio­öko­no­mi­schem Status der Fami­lie und dem Bildungs­grad eines Kindes in Deutsch­land beson­ders stark ausge­prägt. In eini­gen Ländern Euro­pas ist die Abhän­gig­keit zwischen dem Bildungs­grad des Eltern­hau­ses und der Leis­tung des Kindes aber noch deut­lich stär­ker als hier­zu­lande. Gysis Hinweis auf die über­durch­schnitt­li­che Abhän­gig­keit vom elter­li­chen Bildungs­er­folg trifft in der Tendenz also zu, ist in dieser konkre­ten Form aber falsch. Dass der Bildungs­grad nirgendwo in Europa so sehr von der sozia­len Stel­lung der Fami­lie abhänge wie in Deutsch­land, stimmt eher nicht und ist über­trie­ben.

Korrek­tur 01.08.17: Die Aussage von Gregor Gysi war von uns zunächst als “stimmt nicht und ist über­trie­ben” einge­stuft. Im Sinne unse­res Beur­tei­lungs­sche­mas ist “stimmt eher nicht und ist über­trie­ben” in diesem Fall aber tref­fen­der. Wir haben die Einstu­fung daher ange­passt und danken M. Spitt­ler für den Hinweis.

Selina Bölle

Autor: Selina Bölle

Selina macht aktuell ihr Volontariat beim WDR in Köln. Hat Politik- Sozialwissenschaften und Journalistik studiert (M.A).

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