Sahra Wagenknecht, Die Linke

» Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Pflege zeigen das Ausmaß der Verantwortungslosigkeit der letzten Regierungen. Die Arbeitsbelastung wird immer katastrophaler und hat sich teilweise seit 1991 verdoppelt. Der so erzeugte Pflegenotstand ist menschenverachtend. «

Sahra Wagen­knecht zufolge habe sich die Arbeits­be­las­tung der Pfle­ge­kräfte seit der Wieder­ver­ei­ni­gung teil­weise verdop­pelt. Das stimmt eher nicht und ist verein­fa­chend. Die Perso­nal­be­las­tung ist gestie­gen, aber in gerin­ge­rem Ausmaß als von Wagen­knecht behaup­tet. Zudem beruft sie sich auf Zahlen der Deut­schen Stif­tung Pati­en­ten­schutz, die sich nur auf die Arbeits­be­las­tung der Pfle­gen­den in Kran­ken­häu­sern stützt und nicht auf die Belas­tung der Pfle­ge­kräfte außer­halb der Kran­ken­häu­ser.

Am 5. Okto­ber kriti­sierte Sahra Wagen­knecht, die Frak­ti­ons­vor­sit­zende der Linken, die Pfle­ge­si­tua­tion in Deutsch­land. Ihre These: Zahlen des Statis­ti­schen Bundes­am­tes zur Pflege bele­gen die Verdopp­lung der Arbeits­be­las­tung von Pfle­ge­kräf­ten.

Die Pfle­ge­staits­tik 2015 zeigt, dass sich 355 600 Pfle­ge­kräfte in ambu­lan­ten Diens­ten und 730 000 Pfle­ger in Pfle­ge­hei­men, zusam­men­ge­rech­net also circa 1,09 Millio­nen Pfle­ge­kräfte um 1,5 Millio­nen Pfle­ge­be­dürf­tige kümmern (Pflege-Statis­tik 2015, Seite 5). Bei der Betrach­tung der Arbeits­be­las­tung von Pfle­ge­kräf­ten müssen wir also beach­ten, dass viele Pfle­ge­kräfte im Bereich der ambu­lan­ten Pflege nur in Teil­zeit oder in gering­fü­gi­gen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen arbei­ten (Pflege-Statis­tik 2015, Seite 14).

Hat die Arbeits­be­las­tung von Pfle­ge­kräf­ten zuge­nom­men?

Im direk­ten Vergleich mit der letz­ten Statis­tik von 2013 stieg die Zahl der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen, die durch einen ambu­lan­ten Dienst versorgt wurden, um 76.000 Perso­nen (Pflege-Statis­tik 2015, Seite 7), die Zahl der Pfle­ge­kräfte in den ambu­lan­ten Diens­ten stieg dage­gen ledig­lich um 35.600 Perso­nen (Pflege-Statis­tik 2015, Seite 10). Wagen­knecht bezieht sich in ihrer Aussage auf eine teil­weise Verdop­pe­lung seit 1991 — und hier liegt das Problem in ihrer Aussage. Daten zur allge­mei­nen Pfle­ge­si­tua­tion erfasst das Statis­ti­sche Bundes­amt erst seit 1999. Für den Zeit­raum zwischen 1991 und 1999 liegen weder dem Statis­ti­schen Bundes­amt, noch dem Bundes­mi­nis­te­rium für Gesund­heit entspre­chende Zahlen vor. Zwar lässt sich im Vergleich mit der ersten Statis­tik zur Pflege von 1999 sagen, dass die Zahl der Pati­en­ten pro Pfle­ge­kraft statis­tisch gese­hen  leicht gesun­ken ist — für den Zeit­raum von 1991 bis 2015 lässt sich jedoch keine Aussage tref­fen.

Wie uns eine wissen­schaft­li­che Mitar­bei­te­rin Wagen­knechts auf Anfrage mitteilt, bezieht sich die Aussage im Tweet der Linken-Poli­ti­ke­rin auf Zahlen der Deut­sche Stif­tung Pati­en­ten­schutz und einen entspre­chen­den Arti­kel bei Focus Online. Die Daten der Stif­tung Pati­en­ten­schutz stüt­zen sich auf die Kran­ken­haus­sta­tis­tik von 2012  sowie die  Grund­da­ten der Kran­ken­häu­ser von 2016 und zeigen die Entwick­lung der Pfle­ge­kräfte und Fall­zah­len in Kran­ken­häu­sern, nicht die allge­meine Situa­tion.

Laut den Daten der Deut­schen Stif­tung Pati­en­ten­schutz stie­gen die Fall­zah­len pro Pfle­ge­kraft im Zeit­raum von 1991 bis 2016 um 34 Prozent in ganz Deutsch­land. Das würde bedeu­ten, dass die Arbeits­be­las­tung nur um etwas mehr als ein Drit­tel gestie­gen wäre. Wagen­knecht spricht von einer Verdop­pe­lung der Arbeits­be­las­tung. In Bezug auf den Pfle­ge­schlüs­sel in Berlin trifft das zu: Dort hatte eine Pfle­ge­kraft 1991 noch knapp 32 Pati­en­ten zu betreuen, 2016 waren es knapp 63 — die Arbeits­be­las­tung hat sich seit­dem also verdop­pelt. Berlin ist aber das einzige Bundes­land, in dem die Fall­zah­len pro Pfle­ge­kraft in den Kran­ken­häu­sern so stark gestie­gen sind.

Fazit: Sahra Wagen­knecht spricht ein zentra­les Problem in der Pflege an: Deut­lich mehr Pfle­ge­be­dürf­tige fallen auf immer weni­ger Pfle­ge­kräfte, auch in den Kran­ken­häu­sern kämpft man mit Pfle­ge­kräf­te­man­gel. Das ergibt sich aus den Zahlen der Pfle­ge­sta­tis­tik und der Studie der Deut­schen Stif­tung Pati­en­ten­schutz. Ob sich die Arbeits­be­las­tung seit 1991 jedoch in allen Berei­chen der Pflege verdop­pelt hat, lässt sich nicht sagen, weil die Daten­grund­lage fehlt. Wagen­knecht behaup­tet jedoch, dass sich die Arbeits­be­las­tung „teil­weise seit 1991 verdop­pelt” hat. In Bezug auf Berlin stimmt das, für den Rest Deutsch­lands jedoch nicht. Wagen­knechts Aussage stimmt daher über­wie­gend, ist aber verein­fa­chend.

 

Ergän­zung 06. 11.2017

Ursprüng­lich hatten wir die Aussa­gen als “stimmt eher nicht” einge­stuft. Mehrere Leser sowie die Partei die Linke haben jedoch noch einmal auf die Einschrän­kun­gen in Wagen­knechts Satz hinge­wie­sen, dass sich die Arbeits­be­las­tung “teil­weise” verdop­pelt habe. Daher haben wir die Einstu­fung geän­dert. 

 


Pflege in Deutsch­land:

Das Statis­ti­sche Bundes­amt gibt alle zwei Jahre eine Statis­tik zur Pflege heraus. Die aktu­ellste Studie  erschien im Januar 2017 und bezieht sich auf das Jahr 2015. Sie enthält Daten über die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen sowie über ambu­lante Dienste, Pfle­ge­heime und deren Perso­nal und zeigt: Es gibt insge­samt 2,9 Millio­nen Pfle­ge­be­dürf­tige in Deutsch­land. Von Ihnen wird nur etwas mehr als ein Vier­tel in Pfle­ge­hei­men versorgt, mehr als 70 Prozent hinge­gen zuhause. Dort über­neh­men die Ange­hö­ri­gen in 1,38 Millio­nen Fällen die Pflege, bei 692.000 Pfle­ge­be­dürf­ti­gen kümmern sich ambu­lante Dienste um die Pflege.

Jana Heigl

Autor: Jana Heigl

Jana hat Journalismus und Außenpolitik in Washington DC studiert und dort ihre Liebe fürs Faktenchecken gefunden. Momentan studiert sie Amerikanistik in München.
Warum bei stimmtdas.org:Hat sich bei einem Praktikum bei PolitiFact intensiv mit den Auswirkungen von Faktenchecks auseinandergesetzt und findet: Sie haben das Potenzial das Vertrauen der Menschen in die Medien zu stärken. Politiker müssen sich für ihre Aussagen verantwortlich zeigen - Faktenchecks zwingen sie dazu.

2 Gedanken zu „Hat sich die Arbeits­be­las­tung der Pfle­ge­kräfte seit 1991 verdop­pelt?“

  1. Genau genom­men stimmt es ja schon, wenn es in Berlin so ist. Teil­weise heißt ja erst­mal nur irgend­ein Teil und sagt nichts über die Größe des Teils aus. Daher finde ich die Bewer­tung hier etwas zu simpel. Dennoch danke für die inter­es­sante Aufschlüs­se­lung 🙂

  2. Hallo Zusam­men,
    ich fand die Bewer­tung vorher schon fast Perfekt. In so einer Aussage „teil­weise“ statt „(z.B.) in Berlin“ zu schrei­ben ist kalku­lierte Unge­au­ig­keit und sicher kein Faux­pas der sonst so gebil­de­ten Dame und ihres Teams. Die Daten­grund­la­gen liegt klar in Berlin. Und eine Rech­nung wie Deutsch­land geteilt durch X gleich Berlin passt auch nicht. Warum wohl wider besse­res Wissen verall­ge­mei­nert wird?

    Ich sehe es also anders­rum, statt „Aussage stimmt daher über­wie­gend“ (der Fakten­check stimmt ja nur für Berlin) also „Aussage stimmt daher TEILWEISE“ 😉

    BTW: Danke für ihre Arbeit, Frau Heigl

    Grüße Dennis H.
    … ich bin in dem Punkt übri­gens ÜBERWIEGEND der Meinung von Frau Wagen­knecht

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