Alice Weidel, AfD

» Deutschland bewegt sich rasant auf Zustände zu, die man bisher nur aus Pariser Vororten kannte. Die Masseneinwanderung gläubiger Muslime (...), beschleunigt das Entstehen von Parallelgesellschaften immer mehr.«

Diese Aussage stammt aus einem länge­ren Face­book-Post von Alice Weidel, der Vorsit­zen­den der AfD-Bundes­tags­frak­tion. Dass Deutsch­land sich Zustän­den wie in Pari­ser Voror­ten annä­hert, stimmt nicht. Die soge­nann­ten „Banlieues“ sind anders entstan­den als Problem­vier­tel in Deutsch­land. Sebas­tian Kurten­bach, Experte für Stadt- und Migra­ti­ons­for­schung, weist dementspre­chend auf räum­li­che Unter­schiede sowie Unter­schiede in der Arbeits­lo­sen­quote hin. Der zweite Teil der Aussage Weidels, bezüg­lich „Paral­lel­ge­sell­schaf­ten“, ist Kurten­bach zufolge nicht über­prüf­bar. Die Daten­lage sei nicht ausrei­chend, zudem sei der Begriff „Paral­lel­ge­sell­schaft“ an sich nicht eindeu­tig zu defi­nie­ren.

von Linda Ruppert und Ines Eisele

Was ist mit „Zustän­den in Pari­ser Voror­ten“ gemeint?
Alice Weidel führt den Begriff nicht weiter aus. Sehr wahr­schein­lich bezieht sie sich auf die soge­nann­ten „Banlieues“, benach­tei­ligte Rand­ge­biete fran­zö­si­scher Groß­städte und vor allem von Paris. Ein Groß­teil dieser Vorstädte entstand nach dem Zwei­ten Welt­krieg im Zuge einer massi­ven Wohnungs­not, was zum Bau neuer Hoch­haus­sied­lun­gen in der Nähe von Indus­trie­stand­or­ten führte. Die als Symbo­lik des wirt­schaft­li­chen Aufschwungs gedach­ten Bauten erwie­sen sich bald infra­struk­tu­relle Fehl­pla­nun­gen.

Die leer­ste­hen­den Wohnun­gen wurden, so die Bundes­zen­trale für poli­ti­sche Bildung (bpb), insbe­son­dere von Einwan­de­rern aus ehema­li­gen fran­zö­si­schen Kolo­nien in Nord­afrika bezo­gen. Seit der Wirt­schafts­krise in den 1970er Jahren herrscht eine hohe Arbeits­lo­sig­keit unter den Bewoh­ne­rIn­nen der Banlieues. Poli­ti­sche Vernach­läs­si­gung, sozi­al­räum­li­che Ausgren­zun­gen, infra­struk­tu­relle Mängel und eine hohe Krimi­na­li­täts­rate prägen seit­her diese Vorstadt­ge­biete.

Nicht zuletzt führte die Stig­ma­ti­sie­rung der Gebiete als „soziale Brenn­punkte“ oder „Ghet­tos“ zu weite­rer Diskri­mi­nie­rung, Rassis­mus, Benach­tei­li­gung und Ausgren­zung – und bietet damit einen Nähr­bo­den für Paral­lel­ge­sell­schaf­ten. In den letz­ten Jahren gab es in den Banlieues immer wieder gewalt­tä­tige Ausschrei­tun­gen zwischen Jugend­li­chen und der Poli­zei, wie der Erzie­hungs­wis­sen­schaft­ler Martin Bitt­ner in seinem Buch „Aufstand in den Banlieues“ beschreibt.

Bewegt sich Deutsch­land auf vergleich­bare Zustände zu?
Groß­städte haben laut dem Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Sebas­tian Kurten­bach in Deutsch­land zunächst einmal eine andere Sied­lungs­struk­tur. Es gibt demnach keine Satel­li­ten­städte in ähnli­cher Größe, welche nahezu voll­stän­dig von geför­der­tem Wohn­raum geprägt sind, Problem­vier­tel hier­zu­lande sind klei­ner und liegen inner­halb der Städte.

Die Situa­tion, so der Experte für Stadt- und Migra­ti­ons­for­schung weiter, sei schlicht­weg eine andere: „Eines der Probleme in Frank­reich ist, dass Jugend­li­che aus stig­ma­ti­sier­ten Wohn­ge­bie­ten selbst bei guten Schul­leis­tun­gen nicht diesel­ben Chan­cen bekom­men wie Jugend­li­che aus Orten mit einem guten Ruf.

In Deutsch­land wird Versa­gen eher indi­vi­dua­li­siert, in manchen der Pari­ser Voror­ten wird es eine kollek­tive Erfah­rung und als Diskri­mi­nie­rung wahr­ge­nom­men. Daraus würde auch die Bereit­schaft erwach­sen, dauer­haft in Grup­pen gegen Vertre­ter des Staa­tes zu handeln. Das sehe man in Deutsch­land nur sehr verein­zelt, so Kurten­bach. Auch Jugend­ar­beits­lo­sig­keit hat dem Exper­ten zufolge in Deutsch­land nicht dieselbe Quali­tät wie in fran­zö­si­schen Problem­vier­teln. Ange­sichts der aktu­el­len wirt­schaft­li­chen Entwick­lung Deutsch­lands sei es auch nicht wahr­schein­lich, dass sich das bald ändert.Auch wenn man die Krimi­na­li­tät als Para­me­ter heran­zieht, bestä­tigt sich Kurten­bach zufolge nicht das Bild, dass Deutsch­land sich auf banlieue-ähnli­che Zustände zu bewege. Es lasse sich kein rasan­ter Anstieg der Jugend­ge­walt fest­stel­len, in Berlin sei die Anzahl der tatver­däch­ti­gen Jugend­li­chen bei Gewalt­de­lik­ten in den letz­ten Jahren sogar zurück­ge­gan­gen.Alice Weidels Aussage, Deutsch­land bewege sich „rasant auf Zustände wie in Pari­ser Voror­ten zu“, bezeich­net der Wissen­schaft­ler von der Univer­si­tät Biele­feld als „selek­tive Wahr­neh­mung der Situa­tion“.

Beschleu­nigt die „Massen­ein­wan­de­rung von Musli­men“ seit 2015 die Bildung von Paral­lel­ge­sell­schaf­ten?
Mediale Diskus­sio­nen um soge­nannte Paral­lel­ge­sell­schaf­ten gibt es sowohl in Frank­reich als auch in Deutsch­land seit Jahren. In der deut­schen Poli­tik werden laut Studien Geflüch­tete mit der Entste­hung von Paral­lel­ge­sell­schaf­ten in Verbin­dung gebracht. Klaus J. Bade, Direk­tor des Insti­tuts für Migra­ti­ons­for­schung und Inter­kul­tu­relle Studien (IMIS) negiert auf Anfrage von stimmtdas.org die Exis­tenz von Paral­lel­ge­sell­schaf­ten. Krite­rien für Paral­lel­ge­sell­schaf­ten im klas­si­schen Sinne würden in Deutsch­land nicht erfüllt. Dazu gehör­ten:

  • eine mono­kul­tu­relle Iden­ti­tät
  • ein frei­wil­li­ger, bewuss­ter sozia­ler Rück­zug
  • eine weit­ge­hende Doppe­lung von Insti­tu­tio­nen des Staa­tes

In einzel­nen Städ­ten seien zwar sich selbst abgren­zende ethni­sche Kolo­nien entstan­den – einer­seit in Gestalt von einzel­nen Stra­ßen­zü­gen, ande­rer­seits in Gestalt von Netz­wer­ken und Groß­fa­mi­lien. Dabei handele es sich aber um seltene Erschei­nun­gen, die durch ihre Auffäl­lig­keit und die damit einher­ge­hende öffent­li­che Denun­zia­tion das Gesamt­bild verzerr­ten. Dort habe sich zum Teil auch eine Doppe­lung von Insti­tu­tio­nen heraus­ge­bil­det, unter ande­rem die soge­nann­ten „Frie­dens­rich­ter“. Jedoch sind derar­tige Gege­ben­hei­ten laut dem Migra­ti­ons­for­scher Ausnah­men, welche die Regel bestä­ti­gen. Insge­samt sei Inte­gra­tion in Deutsch­land immer noch besser als ihr Ruf. Ob spezi­ell die starke Zuwan­de­rung von 2015/16 daran etwas ändern werde, hänge entschei­dend von der Inte­gra­ti­ons­för­de­rung und von der klaren Posi­tio­nie­rung des Einwan­de­rungs­lan­des im Blick auf seine verfas­sungs­ge­mä­ßen Grund­werte ab.


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Auch Kurten­bachs Einschät­zung zufolge kommen Paral­lel­ge­sell­schaf­ten in Deutsch­land nicht oder nur sehr verein­zelt vor. Zudem sei der Begriff Paral­lel­ge­sell­schaf­ten an sich sehr schwie­rig zu verwen­den. Er werde häufig als poli­ti­sches Schlag­wort benutzt, tauge aber weni­ger zum analy­ti­schen, wissen­schaft­li­chen Gebrauch im Kontext von Zuwan­de­rung. Insge­samt liegen laut Kurten­bach keine belast­ba­ren Daten vor, die bewei­sen oder wider­le­gen, dass sich durch die aktu­elle Zuwan­de­rung Geflüch­te­ter vermehrt paral­lel­ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren gebil­det haben. Dementspre­chend sei auch ein Vergleich mit der Situa­tion in ande­ren Ländern wie etwa Frank­reich nicht möglich.

Fazit: Alice Weidels Aussage, Deutsch­land bewege sich rasant auf Zustände wie in Pari­ser Voror­ten zu, stimmt nicht. Der Experte für Stadt- und Migra­ti­ons­for­schung, Sebas­tian Kurten­bach, verweist in diesem Zusam­men­hang auf räum­li­che Unter­schiede sowie Unter­schiede in der Arbeits­lo­sen­quote. Die zweite Aussage der AfD-Poli­ti­ke­rin Weidels, die „Einwan­de­rung gläu­bi­ger Muslime seit 2015 beschleu­nige die Entste­hung von Paral­lel­ge­sell­schaf­ten“, ist nicht über­prüf­bar. Der Begriff ist analy­tisch schwer zu fassen und für eine verläss­li­che Analyse ist Kurten­bach zufolge die Daten­lage nicht ausrei­chend. Dem Migra­ti­ons­for­scher Klaus Klaus J. Bade zufolge sind Phäno­mene, die land­läu­fig mit dem Begriff “Paral­lel­ge­sell­schaf­ten” verbun­den werden, selten und lokal stark begrenzt.

Linda Ruppert

Autor: Linda Ruppert

Linda studierte in Heidelberg Geographie und Politik Wissenschaften (M.Sc.). Seit Anfang des Jahres promoviert sie an der Universität Freiburg zum Thema der Geopolitischen Rolle Deutschlands. Warum bei stimmtdas.org: Hat sich innerhalb ihrer Masterarbeit mit dem politischen Diskurs über Geflüchtete beschäftigt und sich mehrfach gewundert, ob die getroffenen Aussagen so stimmen. Sprache besitzt Macht und besonders politische Sprache zieht Handlungen nach sich. In Zeiten von Fake-News ist sie für Klartext.

6 Gedanken zu „Bewegt sich Deutsch­land auf Paral­lel­ge­sell­schaf­ten wie in Pari­ser Voror­ten zu?“

  1. ist es nicht letzt­lich egal, ob wir Paral­lel­ge­sell­schaf­ten inner­halb oder außer­halb der Städte bekom­men?

  2. @UBIK: Nein, denn erstens “bekom­men” wir keine Paral­lel­ge­sell­schaf­ten. Sie haben den Arti­kel nicht gele­sen.

    Zwei­tens hängen von der Beschaf­fen­heit der paral­le­len Struk­tu­ren die Antwor­ten darauf ab.

  3. Liebe Frau Ruppert,

    wie beur­tei­len Sie die Situa­tion bzgl. Paral­lel­ge­sell­schaf­ten und wie würden Sie diese beschrei­ben, wie sie im Esse­ner Norden, im Dort­mun­der Norden, in Stadt­ei­len wie Duis­burg, Gelsen­kir­chen, etc. (Aufzäh­lung belie­big erwei­ter­bar) vorzu­fin­den sind? Gerne können Sie auch mal den Blick nach Brüs­sel rich­ten.

    Freue mich auf Ihr Feed­back

    1. Hallo N. Hinz, vielen Dank für Ihren Kommen­tar. Fakten­checks von stimmtdas.org zeich­nen sich gerade dadurch aus, dass keine (persön­li­chen) Einzel­bei­spiele heran­ge­zo­gen werden, sondern Aussa­gen auf Grund­lage von Exper­ten­wis­sen und inter­sub­jek­tiv nach­voll­zieh­ba­ren Daten beant­wor­tet werden.

      Die Aussage zu Paral­lel­ge­sell­schaf­ten basiert auf der Exper­ten­mei­nung, nicht auf der persön­li­chen Meinung der Auto­rin. Zudem wurde dieser Teil der Aussage als “nicht über­prüf­bar” einge­ord­net, da uns — und auch Frau Weidel!- Daten zur Falsi­fi­ka­tion fehlen.

      Mit besten Grüßen
      Das Team von stimmtdas.org

      1. Vielen Dank für Ihr Feed­back.

        Wenn ich das dann rich­tig inter­pre­tiere, ist dieser Beitrag auf Grund ihrer Einord­nung “nicht über­prüf­bar” und wegen “fehlen­der Daten zur Falsi­fi­ka­tion” ledig­lich eine Hypo­these.
        Hypo­the­sen müssen bei der Theo­rie­bil­dung darauf über­prüft werden, ob sie wider­leg­bar (falsi­fi­zier­bar) sind. Die Hypo­the­sen­for­mu­lie­rung muss die Falsi­fi­zier­bar­keit grund­sätz­lich zulas­sen. Werden Hypo­the­sen in der Empi­rie wider­legt, sind sie zu verwer­fen. Eine Hypo­these kann grund­sätz­lich nicht veri­fi­ziert werden, da nicht ausge­schlos­sen werden kann, dass sie sich nicht doch — ggfs. unter ande­ren Umstän­den — als falsch erweist. Warum werden solche Inhalte dann als Exper­ten­wis­sen publi­ziert?

        Beste Grüße

        1. Weil Hypo­the­sen durch­aus auch den gängi­gen Wissens­stand wider­spie­geln. Diesen wiederum versu­chen Exper­ten zu defi­nie­ren & zu erfor­schen. Natür­lich kann es sein, dass heutige Erkennt­nisse in zehn Jahren veral­tet, aber eben mit heuti­gen Mitteln noch nicht besser erfass­bar sind. Man denke nur an die moderne Medi­zin. Trotz­dem käme man nicht auf die Idee jeman­dem seinen Exper­ten­ti­tel abzu­er­ken­nen, nur weil er ein Kind seiner Zeit ist. Dann verhin­dert die Zukunft jedwede Exper­tise.

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